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Eine Moschee am Kröpcke?

17. Februar 2010 | Von redaktion | Kategorien: Frontseite, Leitartikel, Veranstaltungen

Nicht wenig überrascht waren die Passanten am Kröpcke vergangenen Freitag. Ein Aushang an der großen Baustelle am Kröpcke verkündete “Hier entsteht eine Moschee”. Darunter war eine osmanische Moschee mit vier Minaretten und einer großen Kuppel abgebildet. Verschiedene Gruppen, die einen gegen, die anderen für den Bau, warben für ihre Ansicht mit Leaflets, die sie an die Passanten verteilten. Die Ankündigung der “Leipsuasch-Moschee” – so sollte die große Moschee heißen – war allerdings Teil der Werbung für ein demnächst premierendes Theaterstück mit dem Namen “Moschee DE”. Die angeblichen Bürgergruppen waren lediglich Schauspieler.

Das Theaterstück “Moschee DE” befasst sich mit den Menschen in den unterschiedlichsten Lagern eines Moscheebauprojekts mitten in Deutschland. Die Autoren Kolja Mensing und Robert Thalheim haben sich bei dem Streit um einen Moscheebau der Ahmadiyya-Gemeinde in Berlin Heinersdorf mit den unterschiedlichen Menschen unterhalten und die Gesprächsprotokolle als Grundlage für eine fiktive Begegnung der Akteure im Theater gemacht.

“Islam in Hannover” hat den Dramaturgen des Theaterstücks Herrn Aljoscha Begrich interviewt.

Iih: Herr Begrich, Inhalt Ihrer Aufführung ‘Moschee DE’ ist ein exemplarischer Streit um den Bau einer Moschee in Berlin Heinersdorf. Haben Sie sich im Vorfeld mit Moscheenbetreibern oder Moscheebaugegnern persönlich getroffen?

Aljoscha Begrich: Ich selbst nicht, da ich die Inszenierung nur als Dramaturg des Schauspiel Hannover betreue, die Autoren Kolja Mensing und Robert Thalheim aber haben sich vor ungefähr einem Jahr mit etwa 10 Personen der unterschiedlichen Fronten unterhalten, um etwas über den Streit und seine Menschen zu erfahren.

Iih: Welches Hauptaugenmerk setzen Sie bei dem Theaterstück? Was wollen Sie damit vermitteln?

Begrich: Es geht uns vor allem erstmal darum, die Menschen für diese Problematik, die keine einfachen Antworten hat, zu sensibilisieren. Wir wollen keine Position beziehen, sondern die Menschen hinter den Positionen aufzeigen. Im Grunde wie in einer klassischen griechischen Tragödie: Der Zuschauer sollte jeden Beteiligten und seine Beweggründe verstehen und gerade deshalb die Schwierigkeit einer einfachen Sicht erkennen.

Iih: Kommen wir zur – wohl als Erfolg zu wertenden – Werbemaßnahme, die Sie am Kröpcke durchgeführt hatten. Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee?

Begrich: Um wirklich ein Thema in dieser doch toleranten und verständnisvollen Stadt zu setzen, muß man provozieren. Daher die Idee, eine ganz andere Lösung für die Qualen am Kröpckeloch vorzuschlagen. Sobald man so eine Problematik versinnbildlicht und konkretisiert, verhalten sich auch die Leute ganz anders dazu, als zu einem Artikel in einer Zeitung oder einem Stück im Theater. Und natürlich erreichen wir damit ganz andere Leute, die vielleicht auch gar nicht ins Theater kommen. Insofern war die Aktion wohl in erster Linie als thematische Setzung ein Erfolg, ob sie es auch als Werbemaßnahme für das Theater war, wird sich zeigen.

Iih: Welche Rückmeldungen haben Sie bekommen? Und hatten Sie mit Ihnen gerechnet?

Begrich: Vor allem die Pressereaktion hat mich überrascht. Das so viele Print und Funkmedien darüber berichten, hätte ich nicht erwartet. Ich dachte eher, die Aktion wird sich auf das Geschehen vor Ort beschränken und dann als Gespräch von Mund zu Mund wandern. Daß die Presse sich so an der Aktion beteiligt hat, zeugt von einem Interesse und auch einer Offenheit, die uns erfreut haben. Wenn ich dann natürlich den blog auf der Seite der HAZ verfolge, der nach einigen Ausfällen auch abgeschaltet wurde, sehe ich natürlich auch die schwierigen Seiten einer solchen Aktion, die als Provokation natürlich auch beschränkt und plakativ ist und eben nicht wie das Theaterstück die vielen Seiten eines solchen Konflikts zeigen kann.

Iih: Der Vorsitzende des Landesverbands der Muslime in Niedersachsen Herr Altiner wird im hamburger Abendblatt damit zitiert, dass er die Idee “eigentlich gut” finde, aber er findet die “Art und Weise, wie das Theater die Diskussion inszeniert, bedenklich”. Haben Sie Verständnis dafür, wenn einige Muslime mehr Ablehnung durch eine solche Werbemaßnahme erwarten? Schließlich werden nicht alle Passanten die Auflösung mitbekommen oder gar das Theaterstück besuchen.

Begrich: Wie schon gesagt, natürlich habe ich dafür Verstädnis und sehe dieses Problem auch. So lange wir vor Ort sind, können wir mit den Leuten diskutieren, sobald sich die Aktion aber als Abbild im Netz verselbständig, hat man wenig Möglichkeit die Leute zu erreichen. Das ist aber ein nicht zu lösender Schwierigkeit mit einer solchen Aktion: Sie löst gerade durch die Provokation das Gespräch und die Diskussion aus, birgt aber auch immer die Möglichkeit des Mißverständnisses. Die Diskussion um dieses Thema ist aber auch ohne eine solche Aktion da, was wir gemacht haben, ist sie für einen kurzen Moment an das Tageslicht zu holen. Und da gehört sie auch hin. Denn nur dort kann man mit den Leuten ins Gespräch kommen und sie von ihren Standpunkten zu einem Verständnis verführen. Und es war nie die Absicht, den Bau ernsthaft zu behaupten, sondern sowohl bei den Pressekontakten als auch bei der Aktion selber (durch die Beschriftung des Schildes und die identischen Flyer der Gegner und Befürworter) stand immer deutlich im Vordergrund, daß es eine theatrale Aktion ist. Sowohl durch die Telefonnummer als auch die Internetadresse gelangten die Leute zum Schauspielhaus.

Die Premiere des Theaterstücks “Moschee DE” findet am Samstag, den 27. Februar um 20:00 statt. Weitere Termine und eine detaillierte Beschreibung finden sich auf den Seiten des Schauspielhauses Hannover. Eintrittskarten kosten € 20,-, für Personen unter 30 Jahren € 7,50.

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